Interview | Simeon Soul Charger – Farewell Tour

Man könnte meinen, sie wären direkt von der Bühne des Woodstock-Festivals durch die Zeit ins hier und jetzt gereist: Simeon Soul Charger. Die Band befindet sich aktuell auf großer Abschiedstour durch ganz Europa. Denn Simeon Soul Charger gibt es bald nicht mehr. Am 14. Oktober treten sie ein letzten Mal im Stilbruch auf. Wir haben vorab ein Interview mit ihnen geführt, um die Beweggründe für die Trennung  – und natürlich auch vieles mehr für euch in Erfahrung zu bringen.

Stilbruch: Vor einigen Jahren hat es euch aus Akron, Ohio, nach Deutschland verschlagen. Was war der Grund für diesen Schritt?
Simeon Soul Charger (Spider: Bassist): Damals hätte es uns tatsächlich überall hin verschlagen können. Wir waren an dem Punkt angelangt, an dem wir uns entscheiden mussten, wohin wir gehen, wo wir als Band weiter wachsen möchten. Die eigentliche Idee war damals, in Richtung Westen der USA aufzubrechen und dort die Fanbase zu vergrößern. Allerdings kam dann das Angebot, nach Europa zu gehen für eine dreimonatige Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Damals dachten wir: „Lasst uns das machen und wenn wir zurückkommen, starten wir ‘ne große US-Tour.“ Die Tour durch Europa war dann so erfolgreich, dass wir unseren Aufenthalt hier etwas verlängert haben –  und heute –  sechs Jahre älter und klüger –  sind wir immer noch hier.
Vermissen euch eure Fans in den Staaten nicht schon?
Ich bin mir sicher, dass wir ohne den Erfolg als Band hier in Europa gemeinsam in die USA zurückgekehrt wären. Aber zum Glück sind unsere Fans in der Heimat so treu. Die haben uns buchstäblich die Stange gehalten und immer geduldig darauf gewartet, dass wir für ein paar Auftritte zurück in die Staaten kommen.
Ich habe gelesen, dass ihr für einige Zeit auf einem Bauernhof in Bayern gelebt habt. Wie kam es dazu?
Also, um genau zu sein, war es ein Bauernhaus auf einem Hof, der nicht mehr in Betrieb war. Wir haben damals für die dreimonatige Tour durch Europa einen Ort gesucht, an dem man acht Amerikaner, ok, sagen wir acht laute Amerikaner, die für ihre Tour proben mussten, für eine Weile unterbringen kann. Unser damaliger Manager hat uns dieses Bauernhaus organisiert. In dem haben wir dann mehrere Jahre gelebt – die mitunter lustigste und aufschlussreichste Zeit unseres Lebens.
Ich nehme an, dass ihr in dieser Zeit den typisch bajuwarischen Lifestyle – und all die Vorurteile, die man aus den Staaten so mit sich bringt – kennengelernt habt?
Komischerweise hat sich unsere Lebensweise in dieser Zeit kaum verändert. Wir haben seit März 2011 – dem Zeitpunkt, als wir nach Deutschland kamen – rund 600 Konzerte und Festivals in 16 Ländern gespielt. Was das betrifft waren wir also mindestens genauso lange auf Tour wie in Bayern oder sogar in Deutschland. Aber wenn man in einem kleinen Dorf lebt, um einen herum so viele Einheimische und deren Kultur, natürlich übernimmt man da etwas von der Sprache, Ausdrücke, Essen, Musik und so weiter. Aber wir sind immer noch dieselben Musiker, die damals 2011 aus dem Flugzeug gestiegen sind – wir haben nur unseren Akzent verloren (lacht). Und was die Vorurteile betrifft, die bei uns in den Medien von den Deutschen gezeichnet werden, die könnten falscher nicht sein. Die Deutschen gehören zu den warmherzigsten Menschen der Welt.
War die Farm ein guter Ort, um neue Songs zu schreiben, also um kreativ zu sein?
Absolut! Wir hatten nur einen wirklichen Nachbarn und der tolerierte es, wenn wir laut waren und spät nachts nach Hause kamen, nachdem wir zwei Wochen auf Tour unterwegs waren. Wir hatten tatsächlich beinahe keinerlei Einschränkungen, was unser Tun und unsere Lautstärke betraf. Dementsprechend waren die Möglichkeiten schier grenzenlos.
Wie du vorhin erwähnt hast, seid ihr durch unzählige Städte Europas getourt. Was ist am Touren so besonders, dass ihr es derart häufig und kontinuierlich gemacht habt?
Um Yogi Lang, einen der Bosse unseres Labels, zu zitieren: „Wir müssen den Motor am Laufen halten“ (lacht). Nein, wir haben schlichtweg gemerkt, dass wir unsere Fans besser erreichen, wenn die uns live sehen. Wir haben das Glück, dass sowieso schon viele Menschen unsere Platte im Laden kaufen, aber auf Live Shows verkaufen wir einfach zehnmal so viele. Aber letztendlich macht man als Musiker auf Tour auch einfach das, was man liebt: Musik. Und wenn man erst mal damit seinen Lebensunterhalt verdienen möchte, macht dieser Teil des Musikerdaseins komischerweise eigentlich nur noch einen relativ geringen Anteil am Job aus. Auch deshalb haben wir mit dem Touren nie aufgehört – so lange, bis wir  selber bereit waren, das zu beenden. Darauf sind wir stolz, denn das können tatsächlich nicht viele Bands von sich behaupten. Außerdem haben wir all unsere Konzerte nur mit Hilfe verschiedenen Manager, befreundeter Bands und guter Freunde quasi von Grund auf selber organisiert.
Was war der schrägste Moment, den ihr als Band auf Tour erlebt habt?
Es ist so lustig, wenn Leute diese Frage stellen, denn nach all den Jahren, in denen wir unterwegs waren und auf den unterschiedlichsten Bühnen standen, fange ich wirklich an, mir die Frage zu stellen, was schräg ist und was nicht (lacht). Aber wir haben tatsächlich alles gesehen: Einmal hatten wir eine Panne inmitten der unwirklichsten Provinz Rumäniens – um uns herum Häuser mit zerbrochenen Fenstern und Rudel streunender Hunde. Dort nahm uns dann ein verschrobener LKW-Fahrer mit, der weder Englisch noch Deutsch sprach. Also sangen wir rund 20 Minuten „Barbara Ann“ von den Beach Boys in der Hoffnung, dass der LKW-Fahrer uns nicht umbringen würde. Aber es stellte sich raus, dass er ein netter Kerl war (lacht). Ein anderes Mal – das war auf einem großen Festival – da sprang eine Frau mit nur einem Arm auf die Bühne und zog sich vor Aaron aus,  während der gerade einen Song sang. Es gab schon viele schräge Erlebnisse.

Simeon Soul Charger Abschiedstour

Du hast es vorhin bereits angedeutet. Das Simeon Soul Charger lösen sich nach dieser Abschiedstour auf. Es gibt jede Menge enttäuschter Fans, die gerne die Gründe dafür erfahren würden.
Alles hat einen Anfang und ein Ende. Einige Bandmitglieder sehen die Musik und das ständige Touren nicht mehr als ihren Lebensweg. Sie wollen andere Dinge verfolgen, die nichts mit Musik zu tun haben, nebenbei aber immer noch Zeit dafür haben, die Musik so auszuleben, wie sie es möchten. Falls das alles zu schwer zu übersetzen ist, schreib einfach, dass ich ins Gefängnis muss, weil ich Kokain verkauft habe. Das lässt mich hart aussehen (lacht).
Klingt nach einem netten Nebenerwerb auch für die Zeit nach Simeon Soul Charger (lacht). Aber was ist denn der wirkliche Plan für vier Leute deren Leben quasi die Musik ist?
Also für diejenigen aus der Band, die weiterhin bei der Musik bleiben, werden Einzelheiten noch bekanntgegeben. Mehr kann ich zum aktuellen Zeitpunkt leider noch nicht verkünden.
Also das hört sich eher nicht so an, als gäbe es noch die Chance, dass ihr vier irgendwann in naher Zukunft wieder zusammen findet?
Wenn es eines ist, das ich gelernt habe, dann dass nichts sicher ist (lacht). Aber so, wie sich derzeit in der Band die unterschiedlichen Wege abzeichnen, glaube ich persönlich, dass sich unsere vier Wege – musikalisch – nicht wieder kreuzen werden. Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein Bassist.
Vielen Dank für das Interview!

lr

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