Soundcheck | Kanno & Jules – Weit Davon

Dem Deutsch-Pop des 21. Jahrhunderts wird ja viel negatives nachgesagt. Allem voran eine gewisse inhaltliche Oberflächlichkeit, die sich nicht selten, einem lyrischen Niveaulimbo gleichend, in Stumpfsinn und Trivialität über den Zuhörer ergießt. Beispiel aus dem deutschen Durchschnittsradio: Unter meiner Haut. Lieblingszeile: „Ich behalt‘ dich unter meiner Haut, ganz egal, wie lang es brennt, ganz egal, was jetzt noch kommt“. Es brennt? Autsch. Hört sich eher nach einer ansteckenden Krankheit an.

Dass inhaltliche Belanglosigkeit nicht sein muss, zeigen Kanno & Jules. Das Duo aus dem oberfränkischen Kulmbach brachte im Frühjahr 2016 mit „Weit Davon“ die erste gemeinsame EP und gleichnamige Single heraus. Vorangegangen waren unterschiedliche Band- und Musikprojekte – Rock, Indie, Singer-Songwriter – gefolgt von einer schöpferischen Pause, die von einem Bandmitglied kurzzeitig unterbrochen und erfolgreich für eine Familiengründung genutzt wurde.

Die EP, die gleichermaßen der Feder beider Musiker entstammt und aus fünf Songs besteht, entstand so über einen langen Schaffenszeitraum hinweg. Sie ist Ergebnis kontinuierlichen Reflektierens, über die eigene Situation, über die Umwelt und die darin lebenden Menschen, über Freundschaften und Beziehungen. Sie ist somit in gewisser Weise Projektionsfläche persönlicher, positiver wie negativer Erfahrungen. Inhaltlich lässt sich die EP dennoch nur schwer auf ein Thema reduzieren, was das Ganze zu einer spannenden Begegnung werden lässt.

Musikalisch erfinden die beiden das Rad zwar nicht neu,  das ist allerdings auch gar nicht nötig: Gitarre und Klavier, die sich in jedem Song wiederfinden, sind so arrangiert, dass sie auffallend gut das durch den Text vermittelte Gefühl unterstützen. Ein  passendes Beispiel dafür ist die Single Weit Davon (#1). Ein Song, der perfekt  in den Sommer passt, der die Laune steigen und einen abheben lässt. Hoch, bis über die Dächer der Stadt. Erfrischender Sound, der direkt im Gehörgang landet. Achtung also, Ohrwurmgefahr!

Die weiteren Songs dieser EP können aber auch anders: traurig  und im selben Moment nachdenklich (#2 „Stell Dir Vor“), aber mit einer Portion des notwendigen Optimismus (#3 „Einen Horizont Weiter), gefühlvoll, mit einem Hauch erdrückender Melancholie (#4 „Nie Mehr“), um dann doch lebendig und impulsiv zu enden (#5 „Dichter und Finder“).

Fazit: tolle Texte, toller Sound, tolle Musik. Auf jeden Fall eine Hörprobe wert! Wer darauf Lust hat, der sollte HIER mal vorbeischauen oder sich die EP direkt runterladen.

Nicht vergessen: support your local musicians!

lr

 

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