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Stilbruch-Gesichter | Tom Stapelfeld – taktvoll-sarkastisch

Sollte er eines Tages von uns scheiden, so ist die Wahrscheinlichkeit groß,  dass er im falschen Moment und zur falschen Zeit seinen Sarkasmus nicht zügeln konnte: Tom Stapelfeld, professioneller Ironiker, nebenberuflich Musiker, Theker und die Farbe Grau in Fifty Shades of Grey.

1988 in Folge eines erfolgreich verwandelten Freistoßes als Sohn eines Profifußballers im Stadion von Lokomotive Leipzig auf die Welt gegrätscht, erlebte Tom das Ende des Kommunismus aus sichererer Entfernung, nämlich im oberfränkischen Bayreuth. Denn dort hatte sein Vater 1990 bei der SpVgg Bayreuth angeheuert, um in der Zweiten Liga von nun an den westdeutschen Rasen zu beackern.

Dass Talent nicht zwangsläufig Y-chromosomal-dominant weitervererbt wird, sollte an dieser Stelle freudig erwähnt werden. Denn trotz einiger Versuche als Wadenbeißer, Knochenbrecher und Laufwunder im Jugendfußball, blieb am Ende, außer der Kenntnis, es wenigstens versucht zu haben, von Toms eigener Kicker-Karriere nicht viel übrig.

Und so begann, was das Schicksal für ihn vorgesehen hatte: Der junge Tom ließ fortan seinen latenten Aggressionen nicht mehr auf dem grünen Rasen freien Lauf, sondern bearbeitete anstatt der Sprunggelenke seiner Gegenspieler nun die Snare Drum seines Musiklehrers. Und weil er das so fleißig tat, spielte er schon bald in der schuleigenen Schülerband. Die musste er nach dem erfolgreichen Abitur 2007 allerdings zwangsläufig verlassen. Tom ärgerte sich. Wäre er doch nur etwas dümmer geboren.

Wenn Tom S. etwas beherrscht, dann das bedeutungsschwangere Blicken in die Ferne – egal ob nach rechts oder links!

Doch wie es das Schicksal wollte, entstand im Jahr 2010 auf den Trümmern eben jener Schülerband, nachdem Tom zwischendurch ein Studium der Raumfahrt begonnen und wieder abgebrochen hatte, da es ihn schlichtweg unterforderte, ein ganz neues Musikprojekt: die Bayreuther Indie-Band We Are The Planet.

Man spielte deutschlandweit zahlreiche Gigs, unter anderem bei on3-südwild, und erklomm so nach und nach und Strebe für Strebe die Leiter in Richtung Musik-Olymp. Nachdem die Band 2015 gemeinsam mit Martin Glover (YOUTH) in London den Song Circles aufgenommen hatte, lag  bereits der fein-süßliche Duft des Erfolges in der Luft und in gar nicht allzu weiter Ferne sah man nicht enden wollende Pool-Parties, mit Alkohol, Koks und schönen Frauen in knappen Bikinis.

Doch eine durchwachsene Zündfunk-Montagsdemo-Rezension von Hobby-Ornithologe und Band-Sargnagel Thees Uhlmann, seines Zeichens verantwortlich für die Trennung der Popgruppe Echt, veränderte alles. Nein, sie veränderte nichts. Aber dennoch trennten sich nach einem letzten gemeinsamen Gig mit Charlotte im Stilbruch im Frühjahr 2015 die Wege der We Are The Planet-Bandmitglieder.

Und Tom, der im Jahre 2012 nach Bamberg gezogen war, seither im Fach Sarkasmus promoviert und als Theker im Stilbruch arbeitet, war von nun an bandlos. Durch den Jobcenter wurde er jedoch auf eine von der Band Charlotte ausgeschriebene Halbtagsstelle als Drummer und Social-Media-Beauftragter aufmerksam. Nach erfolgreicher Bewerbung gibt er dort seither den Takt vor und postet bei Facebook lustige Katzen-GIFs.

Und wenn in wenigen Monaten Toms anderthalbjährige Probezeit bei Charlotte vorüber ist, bekommt er bei Auftritten vielleicht sogar ein Mikrofon. Denn lustig ist er allemal. Und keiner vereint zwei derart ambivalente Charkakterzüge in sich, wie Tom es tut: charmant-sarkastische Scharfzüngigkeit gepaart mit liebevoll-naiver Unsicherheit.

Im Stilbruch ist er so zu einer wichtigen Stütze aufgestiegen, trotz seiner zierlichen Figur und trotz des Umstandes, dass er bei der wöchentlichen Bier-Bestellung – selbstverständlich unabsichtlich –  auch mal die zehnfache Menge Jever Fun ordert. Quizfee, Konzert-Tontechnik, Co-Hofchef der Stilbruch-Hofbar, Musik BingoO – hier ist er nicht nur Theker, das weiß Tom, und er weiß es zu schätzen: „Der Stilbruch gibt einem die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten. Man kann sich hier kreativ austoben.“ Ein Punkt ist ihm aber besonders wichtig, und den möchte er auch gerne betonen: „Immer wenn ich zur Arbeit komme, ist René da und ich weiß, dass er noch schlechter rasiert ist als ich.“

Tom Stapelfeld, der taktvoll-sarkastische Musik- und (heimliche) Jever-Fun-Liebhaber.

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Interview | Charlotte

Endlich, nämlich am 23. Dezember, stehen sie wieder auf unserer Bühne – die drei adretten Herren mit unterschiedlich starkem Bartwuchs. Ein kleines vorweihnachtliches Wunder, denn seit dem letzten Auftritt im Frühjahr 2015 ist einige Zeit ins Land gegangen. Also haben wir uns entschlossen, M. Monaco, Bergmann Bergmann und Professor Commander 3000 von Charlotte vorab ein paar Fragen zu stellen:

STILBRUCH: Wisst ihr mittlerweile, wer das alles essen soll?
Bergmann Bergmann: Der Albumtitel „Wer Soll Das Alles Essen?“ ist keineswegs eine rhetorische Frage, sondern war viel mehr unser Gedanke gewesen, als wir bei Familie Monaco zum Essen eingeladen waren und Mama Monaco offenbar vergessen hatte, dass wir lediglich ein Trio sind und nicht M. Monacos Fußballmannschaft.
Vor kurzem habt ihr euren neuen Song „Kimono“ und das dazugehörige Video in den sozialen Netzwerken vorgestellt – wann folgt denn das nächste Album?
M. Monaco: Nun ja, wir haben ja eigentlich erst im letzten Jahr ein Album veröffentlicht. Jetzt verdaut doch erstmal das! Aber im Ernst: Wir haben schon wieder sehr feine neue Songs geschrieben – einer davon handelt schon wieder von Essen! Denn anders als Frauen ist Essen immer dein Freund und kann dir nicht weh tun. Aber es gibt Überlegungen, eventuell eine EP zu produzieren, auf der dann auch „Kimono“ drauf sein soll.
Was fasziniert euch so an dem Thema Frauen, Herzschmerz und Beziehung – siehe auch den neuen Song Kimono – so sehr, dass ihr es in euren Liedern immer wieder aufgreift und besingt?
Bergmann Bergmann: Der Philosoph, Ethnobotaniker und Schlagersänger Ignaz Hirnbeißer hat einmal gesagt: „Ein Lied, das nicht von der Liebe handelt, ist es nicht wert überhaupt gesungen zu werden.“ Da hat er Recht. Ich ergänze: Lieder über Essen. Aber das sind ja auch irgendwie Lieder über Liebe.
Euer Sound kommt mit drei Instrumenten – Bass, Gitarre und Schlagzeug – aus. Was macht ihn trotz dieses Minimalismus so eingängig und variantenreich?
Bergmann Bergmann: Jahrzehntelang war das Charlotte-Motto ja „Ohne Proben nach oben!“. Wir haben also versucht, uns auf unserem vermeintlich charmanten Dilettantismus auszuruhen. Dann kam Professor Commander Tom 3000 in die Band. Jetzt ist vieles anders. M. Monaco und ich sind zwar nach wie vor extreme Dilettanten, aber der Professor hat uns mit seinen enormen Skillz in eine naise Kapelle verwandelt, so vong Groove her.
Ende Oktober habt ihr mit „Von Wegen Lisbeth“, einer Band, die gerade deutschlandweit am Durchstarten ist, einen Gig in Würzburg gespielt. Wie kam’s dazu?
Bergmann Bergmann: Die Lisbeths machen das eigentlich nur aus Schuldgefühlen uns gegenüber. Als sie 2014 nach einem Gig im Sound ’n‘ Arts bei mir übernachtet haben, war meine WG weitgehend verwüstet. Ich musste den Zugang in meine Schlafzimmer erst freisägen. Und so kommt es eben, dass sie uns ab und an als Support spielen lassen. Und ja: Wir gedenken weiterhin, ihr schlechtes Gewissen schamlos auszunutzen!
Wo seht ihr Charlottes Zukunft?
M. Monaco: Charlotte ist jetzt 14 Jahre alt. Eine pubertierende Göre, schrecklich! Ich denke, wenn sich ihr Hormonhaushalt etwas eingependelt hat, so mit 17, also im Jahre 2019, wird es soweit sein: Dann kommt der Durchbruch!
Prof Commander 3000: Wir machen das ja auch der Frauen wegen. Meine Mama kommt zum Beispiel ab und zu zum Konzert.
Am 23. Dezember spielt ihr bei Nimm2 im Stilbruch. Was ist euer persönlicher Bezug zu Nimm2 und wie kam’s dazu?
Bergmann Bergmann: Toll, dass Nimm2 eine Heimat im Stilbruch gefunden hat! Dennoch werde ich ganz nostalgisch, denke an die Zeiten im Morphclub. Aber eigentlich kann ich mich gar nicht richtig erinnern, ich war ja immer so betrunken. Na, also gut: Bei Nimm2 sind immer viele Mädels, das gefällt uns. Und wenn wir dann auch noch auf der Bühne stehen dürfen, haben wir einfach den besseren Überblick.
Prof Commander 3000: Die Musik, die Max bei Nimm2 spielt, sagt mir sehr zu, außerdem bin ich immer für ne gute Party mit guten Leuten zu haben und da komm ich bei Nimm2 eigentlich immer auf meine Kosten. Außerdem finde ich es cool, dass das alte Konzept (Band + DJ) wieder auflebt und wir den Jahresabschluss darstellen.
Wichtelt ihr zu Weihnachten untereinander oder verdient ihr als Bamberger Indie-Sternchen mit der Band so viel, dass jeder jedem etwas schenkt?
Bergmann Bergmann: Was schenkt man Bandkollegen, die schon alles haben? Ich habe lange in meinem vergoldeten Jacuzzi über eben jene Frage nachgedacht und konnte auch nach einem ausgewogenen Champagner-Kaviar Frühstück keine befriedigende Antwort finden. Vielleicht fällt mir beim Schwimmen in meinem Geldspeicher noch etwas ein, aber wir müssen auch weiter, meine Rolex sagt, es ist schon kurz vor Siemens und die Fahrer unserer Rolls Royce wartet nicht so gerne.
Okay, letzte Frage: Welche Frage wurde euch als Band noch nicht gestellt und was ist die Antwort darauf?
Professor Commander 3000: Als Band hat uns bisher keiner gefragt: „Kann ich noch einen Rollmops haben?“ Die Antwort wäre natürlich „Passierschein A38!“
Danke!

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Fête de la Musique 2016

Man hätte es beim Anblick der Menschenmassen annehmen können, aber nein, die Sandkerwa hat keine zwei Monate früher begonnen. 700 Städte  in 120 Ländern haben gestern die Fête de la Musique gefeiert. Darunter eben auch Bamberg. Um genauer zu sein: die Obere Sandstraße. Im Stilbruch gab’s musikalisch zwar nichts auf die Ohren, dafür aber am Grünhundsbrunnen was für trockene Kehlen. Bands spielten ja auch genug: u. a. Charlotte im Pelikan, oporto vorm Live-Club, NGang und Pili vor dem Pizzini und Schmitts Katze am Grünhundsbrunnen. Hier ein paar Bilder des Abends:

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Soundcheck | Charlotte – Wer soll das alles essen?

Nun, ein paar Tage und Wochen ist es schon her, dass die drei „adretten Herren mit unterschiedlich starkem Bartwuchs“  von Charlotte  ihr neues Album „Wer soll das alles essen?“ mit einem fulminanten Knall im Pelikan released haben. Damals, ende Oktober. Tage und Wochen, in denen sich bezüglich der Zuneigung zu einem neu erschienenen Musikalbum bei mir folgende Szenarien ergeben können: Das Album ist scheiße und bleibt es auch; das Album ist eher so lala, wird aber, je öfter man reinhört, von Tag zu Tag besser; oder das Album ist zu Beginn ziemlich geil, geht einem mit der Zeit aber ziemlich auf den Zeiger, schmiert mit steigendem Hörpensum also zusehends ab.

Die Geburt
M. Monaco im Kreissaal bei der Geburt des neuen Albums von Charlotte. Anschließend wurde es auf den konsumkritischen Namen „Wer soll das alles essen?“ getauft.

Keines dieser Szenarien trifft auf das Album der deutschsprachig singenden Alternative-Band zu. Keine anstrengenden, aufgeblasenen Arrangements; einfach der typisch minimalistische und schnörkellose Charlotte-Sound, der nicht mehr braucht als Schlagzeug, Bass und Gitarre. Energetisch und mitreißend, auch mal dezent eine auf die Fresse, um anschließend mit einem ruhigen und nachdenklichen Song gefühlvoll das blaue Auge zu streicheln. Was sich möglicherweise etwas schizophren anhört, sorgt für eine gute Mischung aus tiefsinniger Unbändigkeit –  ein Album, das von Beginn an gut war und es auch bleibt.

Thematisch behandeln Charlotte in zahlreichen ihren Songs das, was eigentlich schon immer ihr Thema, und Gerüchten zufolge auch Grund für die Gründung war: die zwischenmenschliche Beziehungen zum weiblichen Geschlecht. Ob es das Girl ist, an das man beim  Sex mit einem anderen Mädchen denkt (#6: „Ich hab beim Sex mit dir an sie gedacht“), die Verflossene, die jetzt in einem anderen Land lebt (#4: „Istanbul“) oder die Bordsteinschwalbe Victoria (#8 „Victoria“), die immer für einen da ist.

Wer Lust hat, mal in das Album reinzuhören, der kann HIER bei Charlotte vorbeischauen. Es lohnt sich.

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